THINKPIECE: Als ich den Tod kennenlernte…

…hatte ich die vielleicht für mich, wichtigste Lektion meines Lebens erfahren.

Und wenn ich diese Worte schreibe, „Tod“ und „Leben“ in einem Satz miteinander vereine und die Erfahrung für sich sprechen lasse, dann dominiert der Rückschluss, den ich vom Tod aufs Leben ziehe und ich verstehe endlich, wie nah sich vermeintliche Gegensätze sein können. 

Wie ergreifend die Grenze zwischen Leben und Tod ist und zeigt, wie wertvoll beides ist; dass es das eine ohne dem anderen nicht gibt; sie sich einander bedingen.

Dass damit Potenzial und Wert in den schlimmsten, traurigsten und fühlbar schwierigsten Momenten liegt. Die, die wir alle so gern umgehen, denen wir ausweichen und durch schnell verschriebene Pillen gefühlsmäßig dämpfen wollen.  

Dass ein Leben nicht aus einer geraden, tristen und einspurigen Autobahnfahrt besteht, sondern aus einer Achterbahn, für die man sich vielleicht nicht unbedingt immer freiwillig anstellen und schon gar kein Geld zahlen will, die aber Teil des Lebens ist.
Und der Tod gehört zu dieser Achterbahn dazu. Die Wichtigkeit besteht doch darin, ihn nicht nur als Abschluss und Ende zu sehen und werten und ihn deswegen zu fürchten, sondern ihn zu integrieren – genau in das Leben; sowohl seinen eigenen als auch den der Anderen. 

Der Tod eines Anderen wird unterschiedlich erlebt, schon klar. Wie empathisch ist man, welchen Bezug hatten man zu dieser Person und wieviel Macht hat die Kontrolle über die eigenen Gefühle?  
Welche Bedeutung hat aber der Tod, abgesehen von der emotionale Bedeutung und was er auslöst? Und wo zieht man die Grenze; denn verschwimmt das Ganze nicht miteinander, weil gerade so ein emotionales Thema nicht abstrakt auseinander genommen werden kann?

Die Stadien von Trauer, Wut, Angst, Hoffnungslosigkeit und unfassbarer Leere – bis hin zur Hilflosigkeit und dem nicht endenden Gefühl des Vermissens, das mit Einsamkeit einhergeht – sind weitläufig, lang andauernd und können lebenseinschränkend sein. 
Sie zwingen uns, unsere Kräfte völlig auszuschöpfen, Zeiten zu überdauern, alles zu hinterfragen, um am Ende immer wieder von vorne zu beginnen. 

Sich nach ihm zu sehnen, ihm, der sich verabschiedet hat und nie mehr in der gewohnten Form und Gestalt greifbar sein wird. 
Aber anders. 
Nicht unbedingt besser oder annähernd zufriedenstellend oder erfüllend, aber man wird gütiger und dankbarer für das, was einem bleibt. Wenn man zulässt, dass etwas bleibt.

Denn was ich aus meiner Erfahrung mit dem Tod gelernt habe ist, dass er einem nicht alles nimmt – dem, der auf dieser Welt zurückbleibt. Er nimmt auf, aber gibt dir so viel, wenn du nur den Hass beiseite schiebst und nimmst.
Das Leben und damit der Tod ist weit umfassender als das individuelle Leben, das wir bewusst vor uns haben und erleben. 
Für diese ganz spezielle Reise war und bin ich dankbar, auch wenn die Schmerzen bis ins Unermessliche gingen.
Ich durfte erfahren, was der Tod wirklich anrichtet. 

Er nimmt einem nicht den Menschen, lässt dir bloß Erinnerungen und ein Grab zurück.
Der Tod trennt nicht, er löst. 

Er ermöglicht der Seele ein Loslösen; von seinem Geist und dem Tempel Körper. 
Frei zu sein, wohin auch immer zu steigen oder gehen. In keinem religiös gemeinten Sinne. Ganz real und tatsächlich, aus einer Perspektive mitzuerleben, die von außen zusieht, mitfühlt und zulässt. 

Ob es den Tod tatsächlich gibt, ist unumstritten; aber die Daseinsform ist weit strittiger, denn wir kennen und erleben zwar den Tod einer Person, aber die Wirklichkeit, die von dieser Person geprägt wurde, stirbt nicht mit ihr. Es verschwindet wohl der Name im Laufe der Zeit – wenn überhaupt – und dieser steht für die Prägungen, aber jeder Mensch hinterlässt eine Spur, so klein sie auch sein mag. 

Und mit dem für mich persönlichen Abschied, einem ganz speziellen Moment, an eine Forderung gebunden, ohne die ich nicht hätte loslassen können, dich nicht loslassen hätte können und die auch erfüllt wurde, warum auch immer.
Ich es kraftlos und erschöpft geschehen lassen musste, und als ich neben Dir aufwachte, mitten in der Nacht und er, mein Zeitpunkt, gekommen war, Dich gehen zu lassen. Diese Dankbarkeit, die mir zuteil wurde auf eine gewisse Art und Weise, die letzte und einzige Kontrolle darüber gehabt zu haben, dass ich den Zeitpunkt des Abschieds in einer einzigartigen Form, sagen wir „bestimmen“ durfte. 

Ich weiß, dass Du in Deinen letzten Stunden mir dieses Geschenk gemacht hast, wusstest, wie schwer mir das fällt, gekämpft und durchgehalten hast, bis ich endlich bereit war, von Dir verlassen zu werden.

Und als ich Dich dann wieder sah, warst Du nicht mehr da. Nur noch Deine Hülle, dein schönes Äußeres; das, worauf Menschen fast alles aufhängen. Weil ein Mensch meist nur darüber definiert wird.
Und jetzt weiß ich, wie vergänglich und unwichtig das alles ist. Dass es nur wichtig ist, wie sehr wir uns in unserem Tempel wohlfühlen und es genießen können, darin zu leben; aber, dass die Seele alles ist.
Dass sie darin wohnen möchte, um sich entfalten zu können, zu reifen, wachsen und sich zu entwickeln, und mit den schönsten Momenten diesen Ort eines Tages wieder zu verlassen. 
Dass sie uns ausmacht und sie durch unsere Augen strahlt und Menschen mit uns ziehen lässt, sie die treibende Kraft ist, die es möglich macht, andere zu lieben und den entscheidenden Unterschied bringt, den wir ins diesem Leben machen und zurücklassen. 

Und diese Seele wird nicht sterben. Sie wird überall weiterleben, dort, wo sie an jemanden anknüpfen konnte, der sie in Erinnerung trägt und schätzt. Sie Sichtweisen, Gefühle und Leben beeinflusst und Momente zu besonderen gemacht hat. 

Sie wird da sein, wenn wir sie ganz speziell brauchen, und auftauchen, wenn wir nicht im Ansatz mit ihr rechnen. 

Du wirst immer da sein. In meinen Erinnerungen, in Erzählungen, Gedanken und Gefühlen, in den Geschichten, die andere von Dir erzählen, und in den Tränen des Vermissens. 
Du wirst auf ewig in meinem Herzen bleiben, weil du Teil meines Herzens bist. 
Ich bin aus Deiner Liebe entstanden und durch sie auf dieser Welt, sie hält mich hier bis zu meinem eigenen Tod und dann auch noch viel weiter.

Als ich den Tod kennenlernte, verstand ich, was Leben bedeutet.

Ein Kommentar zu „THINKPIECE: Als ich den Tod kennenlernte…

  1. Diese Reflexion regt intensiv zum Nachdenken an – keine leichte Kost – und bedarf innerer Ruhe und Stille um zu Verstehen, was hier von einem Menschenkind niedergeschrieben wurde, welches durch die tiefsten Tiefen und nunmehr durch glückliche Höhen schwebt; welches etwas finden und erleben durfte | musste, was nicht jedem in seinem jetzigen Leben möglich sein wird. Mehr kann ich im Moment dazu nicht sagen ….. es fehlen mir einfach die Worte, mein Hals verkrampft und meine Augen verschwimmen …. und demütig bin ich dankbar für all diese Worte – Gedanken – Gefühle – ….

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