Thinkpiece: Wessen Kompass folgst du?

Es kommt zum Punkt in einem Leben an dem irgendetwas geschehen muss. Etwas anderes als bisher, etwas Neues, meist nicht klar Definierbares, und melodisch begleitet werden diese Gedanken von Mark Forsters „Au Revoir.
Irgendwann ist dann dieser Moment gekommen – der, an dem man den Entschluss fassen muss, etwas zu ändern. 

Sich zu ändern. 

Der erste Schritt der gesetzt wird ist oftmals der gewählte, eigene Blick ins nähere Umfeld zur Ursachenfindung, um zu reflektieren und analysieren, warum man dort steht wo man gerade steht, Fehler und die Verantwortlichkeiten zu suchen und finden die dorthin geführt haben.

Aber abhängig seiner eigenen Reflexionsvielfalt und der dazugehörigen Portion Mut und Eingeständnis, wird man bei sich selbst fündig. 

Das Positive daran ist die Eigenverantwortlichkeit- und der Kontrollaspekt. Das Wissen um die Fähigkeit, es selbst in der Hand zu haben; dem Umfeld die Schuld zu geben und sie als Schuldige zu behandeln ist zweck- und sinnlos, leicht und einfach, aber führt zu nichts. Wir können sie jedoch als Spiegelbild unseres Selbst werten; unserer Taten, Äußerungen und den Umgang mit uns selbst und in Beziehung zu ihnen; was es nicht unbedingt einfacher macht. 

Vertrauen

In der Kontrolle über unser eigenes Glück liegt aber so viel Hoffnung und die Einsicht dessen kann Erleichterung schaffen und bietet soviel Raum für Weiteres. Gutes, Nützliches und unglaublich Schönes. 

Wenn es mir so beschissen geht, hab’ ich es selbst in der Hand an meiner Situation etwas zu ändern, ohne dass jemand anderer Einfluss darauf hat, die Macht hätte oder es in einer anderen Verantwortlichkeit läge. Das Leben stößt dich nicht an den letzten Teil eines Abgrundes und verlangt von uns zu springen, viel eher möchte es uns lehren mit dieser oft neuen, nicht einschätzbaren Situationen umzugehen und daraus Schlüsse zu ziehen, dem inneren Kompass zu folgen und dir ein weiteres Hilfswerk für den nächsten Schritt und deinen weiteren Lebensweg geben. 

Darauf muss man jedoch vertrauen.

Und Vertrauen ist nicht nur ein essentieller Schlüssel in einer Beziehung zu anderen Menschen, sondern bedarf davor noch, Vertrauen in sich und vor allem in das Leben.
Aus Bequemlichkeit, Faulheit und dem gelegentlichen Dunst vor den Augen wird diese Verantwortlichkeit, für unser Leiden, aber auch für unser Glück gern in die Hände anderer gelegt. Der eigene Einfluss darauf wird nicht wertgeschätzt, weil es ab und an mehr Energie und Kraft von uns braucht und uns in schwierigen Zeiten ganz schön viel abverlangen kann. 

Aber genau dieser Aufwand, den es manchmal braucht, der ist es dann, der sich am Ende durch den erfolgreich gemeisterten Meilenstein als unheimlich wichtigen Entwicklungsschritt und ausschlaggebenden Moment im eigenen Leben erweisen wird, den es einfach selbst zu bezwingen gilt. 

Ich denke nicht, dass alles im Leben mit Aufwand geschehen muss, man muss sich nicht für jeden Erfolg den Hintern aufreißen, egozentrisch zu sein und die Welt um sich vergessen, damit man weit kommt; in der heutigen Zeit ist es, aus vielerlei Hinsicht „anstrengend“ geworden, am Ball zu bleiben, sich „mit sich selbst auseinander zu setzen“ mit Mühen und viel Energieaufwand verbunden – und deshalb verwende ich hier auch ganz bewusst das Wort „Aufwand“ in dem Zusammenhang. Und manchmal bedarf es den eben, und wird dem Spruch „was keinen Preis hat, hat keinen Wert“ gerecht.

Therapie? 

Um Therapeuten und Menschen, die externe Hilfe in Anspruch genommen haben, vorweg gleich mal den Wind aus den Segeln zu nehmen – es geht nicht darum, dass sich von außen Hilfe zu holen, oder sich von jemandem begleiten zu lassen, „schwach sein“, oder „es alleine nicht hinzubekommen“ bedeutet, oder ich es so darstellen möchte. Im Gegenteil, sich von außen Inputs zu holen und den Schritt zu wagen und gehen, beweist nur, dass man sich so ernst und wichtig genommen hat, sich hinzustellen und wahrscheinlich in der richtigen Situation einen notwendigen Schritt zu gehen und sich Hilfestellung aus einer anderen Perspektive zu holen.

Das wiederum kann soviel Verantwortungsbewusstsein auf sich und sein eigenes Leben bedeuten, auf das ich eigentlich hinaus will.

Jedoch liegen diese Zeilen auf der Grundlage der Botschaft der Eigenverantwortlichkeit im Hinblick auf Gespür, Umsetzung und Richtung; die natürlich Hand in Hand mit dem Schritt zu einer Hilfestellung von außen einhergehen kann, aber auch diese ist begrenzt, im Sinne von der Verantwortlichkeit und dem Ausmaß des Handelns und Nutzen.

„Eine Therapie, die gleichermaßen einzigartig wie unbeschreiblich ist, weil sie auf der Beschaffenheit zweier einzigartiger und unbeschreiblicher Personen beruht: dir und mir. Zweier Personen, die darin übereingekommen sind, vorerst einmal mehr Aufmerksamkeit auf den Entwicklungsprozess des einen legen zu wollen: nämlich deinen. Eine Therapie, die niemanden heilt, weil sie weiß, dass sie nur dem ein oder anderen dazu verhelfen kann, sich selbst zu heilen. Eine Therapie, die nicht darauf aus ist, eine gewisse Wirkung zu erzielen, sondern einfach nur als Katalysator dienen will, um einen Prozess zu beschleunigen, der sich früher oder später sowieso eingestellt hätte, ob mit oder ohne Therapie. (…) Und schließlich, eine Therapie, deren Aufmerksamkeit viel eher auf dem Fühlen liegt als auf dem Denken, eher auf dem Tun als auf dem Planen, auf dem Sein als auf dem Haben und auf der Gegenwart statt auf Vergangenheit oder Zukunft“ (Bucay 2017, 62).

Die Sache ist jedoch die: oft steckt man in Sackgassen, in denen es einzig und allein nur um dich geht. Wie sooft im Leben. 

Doch in dieser Sackgasse ist es so dunkel, dass du sie dir nicht einmal teilen möchtest, weil du diese Dunkelheit keinem anderen antun und zumuten möchtest und vielleicht auch nicht kannst. 
Und weil du weißt, dass es gerade nur um dich geht, dir in einem bewussten Moment ganz klar wird, dass das hier, dort wo du stehst, gerade essentiell und entscheidend ist, für dein Weiterkommen, deine Persönlichkeit und deine Entwicklung.
Du selbst steckst da drinnen und möchtest herauskommen, du versuchst es und auch wenn die dunkelsten Seiten anbrechen und sich zur Verzweiflung die pure Hilflosigkeit dazugesellt, bist du bereit diese Erfahrung zu machen. 

Ich denke, dass viele Menschen an diesem Ort schon mindestens einmal waren, aus den unterschiedlichsten Gründen und in den unterschiedlichsten Intensitäten.
Du grübelst nächtelang, schläfst so beschissen kurz wie früher, als du dir jedes Wochenende die Klub-Stempel hast auf die Handgelenksinnenseite drücken lassen – nur damals, wars lustig und Schlaf war nebensächlich.
Du isst nichts, oder zuviel, die fehlende „Mitte“ verschafft dir hin und wieder kleine Angstschübe und deine Nervosität nimmt neue Dimensionen an; jetzt belächelst du deine damalige Prüfungsangst in der Schule.
Das unwohle Gefühl verbreitetet sich spürbar vom Kopf in jede Zelle des Körpers und dein sehnlichster Wunsch ist es, diese „Balance“ von der sie immer alle reden, wiederzufinden. 

Also was machst du? Du liest Bücher, siehst dir tolle, inspirierende Filme und Dokumentationen an und hoffst, dass du am nächsten Tag mit einer Blitzidee deine Situation und dein Leben ändern kannst.
Irgendwas soll dir in den Sinn kommen, etwas, das bei dir ein Gefühl auslöst, das du schon länger nicht mehr spürtest. Und dann meinst du bereit zu sein, lässt der neuen Energie Raum und etwas Zeit und möchtest loslegen.
Gedanklich bist du auch schon wieder dabei dich vor jeglichen Leuten zu rechtfertigen, wieso, weshalb, warum und achtest mehr darauf, was sie zu deinem Gedankenkomplott sagen, als du selbst. 
Die Zeit vergeht und so tatkräftig du im Kopf bist das Ganze umzusetzen, verstreichen die Wochen und die Motivation fällt ein wenig, denn der Plan, der geht nicht ganz so auf wie vorgestellt. 

Das Leben kam mal wieder dazwischen und die Kompassnadel lässt sich von äußeren Faktoren leiten.
Was machst du dann?
Von einer Sackgasse in die nächste. 

Dich über dein Leben beschweren? Wie schlimm doch alles ist? Ja, natürlich. Mal wieder aufzustehen und sich gut zu fühlen, ohne irgendwelcher körperlicher Symptome, weil der Stress  gefangen ist und nicht anders aus deinem Körper kann. 

Jammern bringt dahingehend viel, dass sich wenigstens einbisschen Druck lösen kann, aber an deiner Situation wird sich nichts ändern. Die Frage ist doch, dreht man wieder um und nimmt eine neue Gasse, ohne dem Vorwissen wie sich die jetzige schließen könnte? Die Erfahrung zu machen, aus einer ausweglos-erscheinenden Situation vielleicht etwas zu machen, dass im Prozess vielleicht Andeutung einer oder sogar mehrerer Richtungen zeigt?

Wer sagt, dass Sackgassen endgültig sein müssen, besonders die, die im Vorhinein so nicht gekennzeichnet waren. Keine Straßentafel ist je sicher vor Orkanen. Vielleicht verlangt es viel Mut, Kraft und Ausdauer. Viel über den eigenen Schatten springen, über sich hinaus zu gehen und raus aus der Komfortzone zu stapfen. Vielleicht ist dieser Aufwand am Ende viel größer als der nützliche Output. Wenn ja, wäre es das trotzdem wert? 

Reservetank

Sich komplett zu verausgaben ist nicht unbedingt die klügste aller Ideen, besonders wenn man schon am Limit kratzt. Aber auch jeder Tank hat noch einige unsichtbare Striche, die Reserve – und wenn man weiß wie man das Auto am besten fährt, dann schafft man es noch zur nächsten Tankstelle und kann sein komplettes System wieder auffüllen. Und dann? Dann hat es sich gelohnt, mit Sicherheit. Jede Grenzerfahrung hat seine Lehren.

Man muss aber individuell und sich treu bleiben, authentisch und ehrlich agieren, versuchen, scheitern, aufstehen, keinen Wert darauf zu legen was das Umfeld sagt, meint und hofft. 

Zu lernen wie das Auto am besten zu fahren ist; wie man selbst am besten in gewissen Situationen lenken muss und welche Geschwindigkeit sich mit sich selbst gut anfühlt. Dann lernst du dich selbst zu fahren, bzw. dich fahren zu lassen, manchmal gegenzulenken, wenn das Ego reinspielt, oder aber darauf zu vertrauen, dass das Leben mit einem im guten Gewissen das richtige Tempo findet und man sich darauf einstellt. Tempomat an und aufmerksam mitfahren, um das Leben zu leben und sich nicht ums Fahren per se zu kümmern.

Die Welt um mich herum 

Die Anderen? Das Umfeld?
Das sind andere Autos. Individuell, mit eigenen Geschwindigkeiten und anderen Grundausstattungen. Aber was kümmert es mich mit ihnen zu vergleichen, wenn man sowieso nicht Auto tauschen kann? Viel schöner wäre es doch hin und wieder im Konvoi zu fahren, Mitfahrgelegenheiten zu bieten und anzunehmen, miteinander auf den Straßen gut zurecht zu kommen und ein System zu schaffen, in dem wir uns nicht alle immer ständig ausbremsen, uns anhupen und Versicherungen in unsere Schäden einbeziehen müssen.

Andere Menschen müssen nicht mit deinen Gedanken, Sorgen und Grübeleien einschlafen, mit ihnen aufwachen. Sie spüren nicht, was du fühlst und was sich für dich stimmig anfühlt. Es liegt an dir ihnen zu zeigen, dass du sie dahingehend nicht brauchst. 

Hör auf dich – ob Kopf, Bauch, was auch immer dir deine Richtung weist. Nur so wirst du aus Chaos- und Sackgassen von alleine rausfinden. Nur, wenn du dich selbst immer mehr kennenlernst, neue Seiten akzeptierst und Veränderungen zulässt, auch wenn sie dir momentan widerstreben und sie deine bisherige Meinung komplett wider- und umlegt. Wir sind alle im Prozess und Veränderung heißt, nicht stehen zu bleiben und alles was damit zusammenhängt. Lerne dich jeden Tag aufs Neue kennen.

Sei dein eigener Seismograph.

Bucay J. (2017): Komm, ich erzähl dir eine Geschichte. Frankfurt am Main: Fischer Verlag

4 Kommentare zu „Thinkpiece: Wessen Kompass folgst du?

  1. sehr schön und stimmig, ladet intesiv zum Nachdenken ein, und es kommt mir ein Text in Erinnerung „….. ich bin ja ganz anders, aber ich komm ja nie dazu…“ DANKE für den „Rempler“ und die herrliche Formulierung !

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