Thinkpiece: Wieviel Kritik vertragen wir überhaupt?

Wann hast Du das letzte Mal kritisiert?
Es muss keine öffentliche oder ausgesprochene Kritik gewesen sein, es ist jede noch so kleine Bemängelung und jeder Tadel gemeint.

Wenn ich kurz pauschalisieren darf, würde ich behaupten, dass die Mehrheit dies heute Morgen schon mindestens einmal hinter sich hat. Vielen fällt das nicht mal mehr auf, und auch wenn sie ein paar Stunden zurückdenken ist ihnen die Tatsache nicht bewusst. Aber mit Sicherheit waren da schon kritische Gedanken und Stimmen in der Früh beim Zähneputzen, vielleicht beim Anblick im Spiegel, oder spätestens wenn Frau sich eine Hose zum Anziehen raussuchen musste. 

Und häufig ist es die Kritik, die wir uns nicht zum ersten Mal geben, viel eher ist es die immer und immer gleiche.
Und was können wir daraus schon mal ziehen?
Kritik bringt garnichts. 
So einfach? Nein. Aber runtergebrochen vielleicht doch. 

Kritik soll helfen, Anderen Fehler aufzuzeigen, sie in ihrem Denken, Tun und Handeln zu korrigieren oder beim Bewusstwerdungsakt von Fehlern zu unterstützen. 

Aber was bringt Kritik tatsächlich?
Es bringt, dass wir uns in den meisten Fällen angegriffen– und minderwertig fühlen als zuvor. Dass wir der kritisierenden Person gegenüber nicht mehr ganz so wohlgesonnen sind und uns noch mehr in Frage stellen als wir ohnehin schon tun.
Es geht aber nicht darum, dass wir eingeschnappt Schnofis ziehen und in unsere Trotzphase zurückfallen.
Es liegt fast in unserer Natur, dass wir einen Angriff (und es fühlt sich in der Situation fast immer so an) nicht mit offenen Armen empfangen. Wir müssen uns wehren und schützen und in erster Linie äußert sich das durch dagegen reden und Ohren zu halten.

Was es mit „konstruktiver Kritik“ auf sich hat, fragen nun ein paar?

Manchmal sind wir dankbar, oft beherzigen wir sie, reflektieren und meistens fühlen wir uns ertappt und wieder angegriffen, weil wir sooft eigentlich garnicht danach gefragt haben. 

In 90% der Fälle wird Kritik von Menschen, die einen Hauch mehr Menschenkenntnis besitzen als andere und in Rhetorik einbisschen geübt sind einfach umformuliert. „Konstruktive Kritik“ heißt dann das Zauberwort der Ausrede.

Wir haben Muster erlernt, sind geformt worden und erkennen unsere teilweise festgefahrenen Bahnen und Systeme schwer.
Wir sehen dies bei Anderen und bei uns selbst. Oft hadern wir im Umgang mit unserem Umfeld und zweifeln an Überzeugungen, die sich nach jahrelanger Festgefahrenheit einfach nicht mehr mit uns einigen lassen. Vielfach kommen wir selbst drauf und arbeiten daran, sie zu erkennen, zu lösen oder umzumodeln, um uns selbst den Alltag zu erleichtern oder aber mehr zu uns selbst zu finden und mehr wir zu werden. 

Wir sehen Menschen um uns oft struggeln und aus unserer Perspektive liegt die vermeintliche Lösung so nah. So einfach, klar ersichtlich und aus unserer Überzeugung so easy zu verändern. 
Aber so ist es nun mal nicht.
Ich glaube daran, dass wir Korrektiv sein „dürfen“, für uns und Andere. In einer liebevollen Art und Weise. Wenn wir es wirklich gut meinen und damit ist nicht die eigene Erleichterung oder Befriedigung gemeint, sondern weil wir vielleicht einen vermeintlich blinden Fleck bei Jemanden sehen, der die Augen dafür verschlossen hat.
Dieser Person in netter Art und Weise einen Hinweis zu geben. Keinen (Rat)Schlag, sondern vielmehr einen Blick aus unserer Perspektive zu schenken und selbst entscheiden zu dürfen, ob ihm dieses Selbstbild gefällt, oder nicht. 

Dazu braucht es Empathie und die Einsicht, dass es sehr wohl einen unterschied zwischen „Korrektiv sein“ und „konstruktiver Kritik“ gibt. Dass diese „konstruktive Kritik“ eigentlich ein schlecht verpacktes, „du solltest anders sein/machen ist“, weil es mir oder der Gesellschaft nicht gefällt. Es ist wahrlich ein schmaler Grad, aber den gilt es zu erkunden, um ein schöneres, akzeptiertes Miteinander zu schaffen. 

Und Lob? Lob schafft soviel mehr Freude, Arbeitswillen, Begeisterung, Motivation und Energie als Kritik es jemals schaffen würde.

Fragen wir uns, wie wir tatsächlich mit Kritik umgehen, ob wir sie uns wirklich wünschen, oder ob wir uns ein Lernen wünschen, das auf eine so viel produktivere Art und Weise geschehen kann.
Und wenn wir das nächste mal Kritik äußern wollen, unter welchem Deckmantel auch immer, denken wir daran, wann wir das letzte Mal tatsächlich gelobt haben.
Und daran, dass wir schöne Gedanken anderen Menschen gegenüber vielleicht öfters aussprechen könnten, anstatt sie nur zu denken.

Ein Kommentar zu „Thinkpiece: Wieviel Kritik vertragen wir überhaupt?

  1. Wunderbar formuliert – kleiner Rempler zum Nachdenken, wie und was und zu welchem Zeitpunkt man „gut Gemeintes“ einem lieben Menschen mitteilen sollte (oder auch nicht). Schon sehr schade, wie schwer Lob oftmals über die Lippen kommt, obwohl man es täglich mehrmals erkennt und denkt; Sorge, es könnte als „Schleimen“ oder „Wichtigmachen“ angesehen werden ……. weg mit den negativen Vermutungen und Annahmen, auf´s Baucherl hören und lets do it !

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