Thinkpiece: Warum du deinen eigenen Wert kennen solltest.

Ich klappe mein Notizbuch auf und blättere mehrere Seiten an „To Dos“ durch. Eine neue Auftragsarbeit für einen Kunden. Mehrere Themen und Aufgabenfelder, auf das meiste freue ich mich wirklich; für vieles, das weiß ich, kann ich erst im Nachhinein Freude aufbringen, dazu fehlt mir die alleinige Kontrolle – aber auch das Zusammenarbeiten mit anderen Firmen oder Endstationen funktionieren mittlerweile immer besser. Als ich den Druckauftrag mit der für mich neuen Druckerei bespreche und absegne, habe ich genau dieses kurze Glücksgefühl und alles läuft, wie ich es mir vorstelle. Fast. Denn jeder Kunde ist individuell und jeder möchte es irgendwie auf seine Art, und auch das verlangt Empathie und Fingerspitzengefühl. 

Im Nachhinein gehe ich Punkt für Punkt auf der Agenda durch und die roten „Finished“ – Häkchen häufen sich. Mein Gefühl ist ein gutes, sodass ich meine Honorarnote genau in dieser Einstellung schreiben und stellen kann. 

Aber was dann passiert, schockiert nicht nur mich, nachdem ich mit mehreren Kollegen über genau diese Thematik gesprochen hatte.

Ich will dich eigentlich nicht wirklich für deine Arbeit bezahlen. Du warst zwar schnell und immer abrufbereit, hatte viele „ahh“- und „ooh“-Momente in den Beratungsgesprächen, aber in deinem Alter war ich dankbar für die Möglichkeiten, mich auszuprobieren.

Deine Arbeitsmaterialien – von der Kamera, den Programmen, der Zeit angefangen, bis zu Ideen und den Konzepterstellungen – habe ich immer in höchsten Tönen, sowohl vor anderen, als auch im Einzelsetting, euphorisch gelobt.

Aso. 

Geld möchtest du auch noch? Damit hatte ich nicht gerechnet, ich hab‘ doch extra die teure Agentur abgelehnt und wollte dich. 

 

Warum du dir deines eigenes Wertes bewusst werden solltest? 

Ich glaub man merkt worauf ich hinaus will.

Dass dir genau solche indirekten Aussagen getrost am Arsch vorbei gehen. Du einstehst für dich und deine Arbeit, deine Zeit und deinen Wert.

Nicht beginnst zu grübeln, ob die nicht konstruktive Kritik etwas Wertvolles hat (hat sie sowieso, du wirst später mal noch stärker für deinen Wert einstehen, wenn es verlangt wird, weil nach den Zweifel irgendwann nur noch Zorn kommt); du keine schlaflosen Nächte verbringst, weil du zu viel nachdenkst, dich schlechtes Gewissen plagt, dass du Geld für deine Arbeit bekommst und du dich nicht einlullen lässt, „preislich noch was machen zu können“.

Denn wenn du dir deines eigenen Wertes bewusst wirst, beginnst du 1.) die Arbeit der anderen mehr zu schätzen – und das ist etwas in der heutigen Zeit, dringend verlangt wird – 2.) Leute anzuziehen, die genau wegen dir kommen und jeden Preis zahlen, weil sie sowohl dich als auch deine Arbeit schätzen. Weg von dem Neid und mehr zur Anerkennung, in jeglicher Hinsicht. 

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Und für all diejenigen, die immer noch struggeln: 

Du kannst deine Anerkennung anderen gegenüber gerne äußern, ehrlich, persönlich oder schriftlich, aber es verlangt noch mehr. Nämlich aktive Wertschätzung. Anerkennung, das sollte jeder immer wieder aufs Neue für sich selbst lernen, um sie sich selbst zu geben.

Das gelingt mal besser, mal schlechter, aber Wertschätzung verlangt, Preise zu zahlen, für Dinge die man bekommt, für Arbeit die jemand in oder für dich investiert und nicht herum zu feilschen oder mit Lehren zu kommen, warum du dich in Erfahrungsbitcoins bezahlen lassen sollst.

Ja, ich könnte ausholen, denn natürlich bin ich über (fast) jedes Praktikum dankbar. Unbezahlt. Über die Erfahrung, die Möglichkeit in einen Betrieb hinein zu schnuppern und auch wieder zu gehen, noch bevor mich ein Fixvertrag unglücklich gefesselt hätte. Aber ich darf mir bitte noch immer mein Praktikum selbst aussuchen. Wo ich will, wann ich will, in welchem Alter und aus welchen Gründen. Und dann deklariere ich meine Arbeit auch als Praktikumsarbeit, um Missverständnissen vorzubeugen. 

Wenn dann bezahlt wird, darf ich mich glücklich schätzen. Wenn nicht, dann darf ich mich ebenso glücklich schätzen und durch die Erfahrung in späteren Jahren vielleicht noch mehr verlangen.

4 Kommentare zu „Thinkpiece: Warum du deinen eigenen Wert kennen solltest.

  1. wirklich erschreckend, wie frech manche Kunden agieren – immer bei jenen, die es besonders gut meinen und ihre Energie und Zeit investieren – Gott sei Dank bin ich bereits in Pension und kann mir meine Klienten aussuchen; aber richtig: gerade Frauen müssen bei weiblichen Kunden ihren Mann stehen …. eigentlich traurig – aber wie heißt es so schön: was nicht zu einem gehört verliert man auch wieder – und das ist gut so 🙂

    1. Ja das stimmt, leider !
      Auf dieses Level zu kommen, benötigt sicher auch viel Arbeit, aber es lohnt sich ! 🙂
      Genau und jede Erfahrung macht einen weiser 😉 (hoffentlich 😉 )

      Alles Liebe

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